Der italienische Junge – Teil 1

Juni 27, 2017

Luca

„Entschuldige, Arno, dass ich dich damit belästige, aber ich halte es mit Kevin und Matthias in einem Zimmer nicht mehr aus.“

Es ist am frühen Abend, als Luca mir das mitteilt. Ich bin ein wenig ratlos. Plötzlich erinnere ich mich daran, wie der Junge in früheren Jahren war. Damit beginnt der erste Teil der Geschichte:

Neuntes Schuljahr. Luca hatte Schwierigkeiten mit den verdammten Binomischen Formeln in Mathematik. a² plus…? Ein wenig verzweifelt sah der Junge mit den italienischen Eltern mich an. Ich setzte mich auf den leeren Stuhl neben ihn und berührte ihn dabei unabsichtlich und flüchtig. Schräg über seine schon recht breiten Schultern sah ich in sein Heft. Vor mir sein Nacken mit winzigen, dunklen Härchen, ein schlanker Hals, von dem man durch den Ausschnitt des roten T-Shirts noch die Fortsätze einiger Halswirbel sah. Ich atmete förmlich seinen schon etwas männlichen Duft und unterdrückte den Impuls, ihm die Hand auf die Schulter zu legen. Ich blickte an ihm herunter, sah auf seine staubigen Sportschuhe, die appetitlichen Oberschenkel und Hinterbacken in seinen engen, verschlissenen Jeans und schaute dann wieder in sein Gesicht.

Sanfte, rehbraune Augen. Ich liebe solche Augen. Großartiger Busch schwarz glänzender, gelockter Haare, leicht drahtig und störrisch. Auch nicht schlecht. Die reine, braune Haut mit einen leicht olivfarbenen Touch, an den Wangen ins Rötliche übergehend, fein geschwungene, schwarze Augenbrauen, lange, seidige Wimpern, volle, dunkelrote Lippen, und den Anflug eines kecken, dunklen Schnurrbarts auf der Oberlippe. Ein Hauch, und es wäre um mich geschehen.

Lucas Probleme waren schnell gelöst. Fast bedauernd setzte ich mich wieder an das Lehrerpult. Luca war anders als die anderen Jungen in seinem Alter, deren Betragen eher machohaft zu nennen war. Ich mochte ihn. Aber ich war Lehrer und er mein Schüler. Also liebevolle Beachtung, aber Finger weg.

Ein Jahr verging. Einige Male pro Woche begegnete ich Luca auf den Fluren. Immer wechselten wir ein freundliches Wort. Er war noch männlicher, für mich noch anziehender geworden. Irgendwann hatte der ‚Große Meister‘ mir einen Kurs in Physik aufgedrückt. Zehntes Schuljahr. Und wieder hatte ich Luca vor mir im Physikraum sitzen.

Nicht, dass er ein Schleimer gewesen wäre, mir zum Beispiel meine Tasche getragen hätte, aber immer, wenn Hilfe gebraucht wurde, wenn irgendwelche Versuchsgeräte verstaut werden mussten, war Luca zur Hand.

Ich erkannte die Gefahr und versuchte, nicht mit ihm allein in einem Raum zu sein. Das ging auch lange gut, aber irgendwann, vielleicht sechs Wochen vor Schuljahrsende ereilte es mich doch. Ich hatte mich mit der Zeit verschätzt. Die Stunde war zu Ende, alle Schüler drängten sich schnell durch die Tür. Sie wollten nach Hause. Vorn stand immer noch die riesige Luftkissenbahn mit den aufgebauten Zeitmessgeräten. Ich seufzte. Viel Arbeit, um sie in ihren Schrank im Vorbereitungsraum zu packen.

Ein Räuspern von der Tür. Nicht alle waren gegangen. Luca war noch da.
„Soll ich Ihnen helfen?“
Seine Augen sahen mich so an, dass ich nicht ‚nein‘ sagen konnte. Gemeinsam schleppten wir die schweren Versuchsgeräte in den fensterlosen Nebenraum.
„Nett von dir, Luca.“
„Hab’s gerne getan. Ich mag Sie eben.“
Alarmklingeln schrillten in meinem Kopf. Vorsichtig wechselte ich das Thema, aber das änderte nichts daran, dass ich vorsichtig sein musste.

Dreizehntes Schuljahr. Abiturjahrgang. Trotz seiner Schwächen in Mathematik hatte Luca es bis hierhin geschafft. Er bestand das Abitur. Er hat sogar einen Ausbildungsplatz in einer Bank bekommen. Doch die Ausbildung dort begann erste Ende August. Fast zwei Monate freie Zeit für Luca.

Ich wusste, dass er dieses Jahr nicht in Ferien fahren konnte, weil sein Vater seit Monaten arbeitslos war. Auch zwei anderen Jungs aus dem Jahrgang ging es ähnlich, Kevin und Matthias. Ich telefonierte in die Schweiz. Überraschenderweise war das Ferienhaus, an das ich dachte, noch frei. Ich habe die Jungs einfach eingeladen. Alle waren einverstanden. Also sitzen wir schon am ersten Ferientag in meinem Wagen und fahren in Richtung Süden. Luca hat den Platz neben mir erwischt und die beiden andern sitzen im Fond. In der Schule hatten wir ‚Sie‘ zueinander gesagt, doch nun biete ich den dreien das ‚Du‘ an. Vorbei geht es am Bodensee, dann biegen wir in das Alpenrheintal ein. Noch eine kurze Strecke südwärts, dann folgten wir dem Flüsschen Landquart bis Küblis. Die größte Strecke ist geschafft, und hier in Küblis beginnt auch die wirkliche Geschichte.

Frische Bergluft. Ich habe das Dach des Cabrios geöffnet. Aus Küblis quält sich der Wagen die enge Bergpoststraße herauf. Bei jeder unübersichtlichen Kurve hoffe ich, dass uns der Postbus nicht begegnet. Sechshundert Meter Höhenunterschied und etwa fünfzehn Kilometer müssen wir überwinden. Nur noch ein paar Kurven, dann sehen wir die kleine Kirche und die Häuser tief geduckt hinter ihrem Lawinenschutz vor uns liegen.

Das ist die Talschaft, die ich so liebe. Wir steigen aus und atmen auf eintausendfünfhundert Meter die kühle Höhenluft. Am Talende sehen wir die Kalkkette des Rätikons liegen. Einige wenige Schritte weiter befindet das Gasthaus, dessen Wirtin das Ferienhaus vermietet. Ich weiß aus Erfahrung: Nur einige Tage hier oben, einige Aufstiege auf die umliegenden Dreitausender, und der meiste Ärger von Zuhause ist vergessen.

Das Ferienhaus ist aus Holz und über hundert Jahre alt. Es hat zwei Schlafzimmer, Küche, Wohnzimmer und ein Badezimmer mit Wanne und Dusche. Im Schlafzimmer der Jungs stehen drei Betten. Es hat eine Terrasse mit einem herrlichen Blick hinunter ins Landquart-Tal. Mein Schlafzimmer hat nur ein Fenster, aber ich sehe draußen die lockenden Gipfel des Rätikons. Wir ziehen ein und essen dann zu Abend. Und direkt nach dem Abendessen spricht mich Luca an:
„Entschuldige, Arno, dass ich dich damit belästige, aber ich halte es mit Kevin und Matthias in einem Zimmer nicht mehr aus.“
Ich sehe erstaunt in seine dunklen Augen.
„Luca, was ist los? Verstehst du dich mit Kevin und Matthias nicht?“
.
Luca schüttelt den Kopf.
„Nein, sie sind ganz okay. Aber sie lassen ihre Sachen und Klamotten überall liegen. Das nervt mich. Das Zimmer ist jetzt schon fast eine Müllhalde. Wenn wir erst schmutzige Wäsche haben, wird es stinken wie ein Pumakäfig. ich bin Ordnung und Sauberkeit gewöhnt.“

Seine Augen flackern aufgeregt. Ich will ihn beruhigen.
„Was stellst du dir vor? Das Haus hat nur zwei Schlafzimmer…“
In mir keimt ein Verdacht auf, aber den kann ich nicht beweisen. Die Stimme des Jungen wird nun leise und fast beschwörend.
„Arno. Dein Schlafzimmer hat doch ein großes Doppelbett. Wir würden uns sicher gut verstehen…“

Seine Stimme ist so bittend, sein Blick so zu Herzen gehend, dass ich schwach werde. Kevin und Matthias nehmen es gelassen hin, dass Luca in mein Zimmer umzieht. So haben sie mehr Platz für ihre Unordnung.

Natürlich duschen wir uns vor dem Schlafen gehen. Ich gehe zuerst ins Bad, Luca nach mir. Ich sitze mit einer kurzen Sporthose bekleidet auf meiner Bettseite, als der Junge frisch geduscht herein kommt. Er hat ein Handtuch um seine Hüften geschlungen. Seine braune Haut glänzt noch leicht feucht. Er dreht mir den Rücken zu, als er das Handtuch fallen lässt und sich schnell sehr, sehr enge, weiße Boxershorts überstreift. Ob ich will oder nicht, ich sehe seinen Arsch und dann, als er sich zu mir dreht, um ins Bett zu steigen, auch seinen Schwanz und seine Eier im dünnen Trikotstoff deutlich abgeformt.

In der Nacht schlafe ich unruhig. Nur durch die Besuchsritze getrennt schläft neben mir dieser herrliche Junge. Ich atme seinen Duft. Im Einschlafen erscheinen Trugbilder vor meinen Augen. Es ist schön und gefährlich zugleich.

Wir haben am nächsten Tag eine erste Bergtour gemacht. Aufs Chrüz. Nur knapp zweitausendzweihundert Meter. Schön war es und anstrengend, weil wir uns noch nicht an die Höhenluft gewöhnt haben, selbst für mich als Mann in den Dreißigern. Deshalb sinke ich ermattet ins Bett, als es endlich in der Nacht ruhig geworden ist. Ich wünsche Luca im andern Teil des Doppelbetts eine gute Nacht und drehe ihm dann den Rücken zu. Ich bin unruhig, denn ich habe gesehen, wie er sich ausgezogen hat. Er liegt nackt bis auf seine engen Boxershorts unter der Decke. Wenn ich jetzt schwach werde, könnte ich einen Eklat provozieren, der meinen Ruf und meine Stellung schädigen könnte, auch wenn der Junge im Nebenbett volljährig und aus der Schule entlassen ist.

Es ist Neumond. Die Nacht ist pechfinster und keinerlei Licht dringt durch das Fenster meines Zimmers, das durch das große, hölzerne, beinahe antike Doppelbett dominiert wird. Das uralte Holzhaus spricht mit mir, knistert und knackt, flüstert mir seine Geheimnisse zu. Ich schwebe in einem Zustand wischen wach und Traum. War es das schwere Atmen des Jungen oder das Haus? Ich verschwende keinen Gedanken daran. Mein Atem wird ruhig. Ich dusele ein.

Halb im Unterbewusstsein fühle ich, wie meine Bettdecke vorsichtig zurückgeschlagen wird. Eine Hand tastet federleicht nach mir. Dann schwankt die Matratze, weil sich jemand hinter mich gelegt hat. Ich bin alarmiert, aber gleichzeitig wie gelähmt. In Moment weiß ich nicht, wie ich mich verhalten soll, also bleibe ich erst einmal unbeweglich auf der Seite liegen. Die Härchen in meinem Nacken stellen sich fühlbar auf. Verdammt, ich habe mich wie zu Hause nur in kurzen Sporthosen ins Bett gelegt und fühle mich irgendwie als Opfer. Von Luca.

Warme, weiche Haut schmiegt sich an meinen Rücken. Eine Hand gleitet kaum fühlbar an meiner Seite nach unten und liegt knapp unter dem Bund der Shorts auf dem oberen Ende meines Beckenknochens. Ich fühle die Brust des Jungen, die sich an mich drückt, dann auch seine Körpermitte. Er trägt Boxershorts, aber ich fühle die wachsende Beule darunter deutlich an meinen Hinterbacken.

Ich halte den Atem an. Die Hand gleitet mehr zu meiner Körpermitte. Dann sogar in meine Shorts. Ein Finger spielt in meinen kurz gehaltenen Schamhaaren. Mein Glied ist kurz davor, zu reagieren, unterstützt von den nun fast unfühlbar kreisenden Bewegungen des steif gewordenen Schwanzes an meinem Arsch. Die Haut an meinem Rücken scheint jetzt wärmer und etwas feuchter zu werden. Ich spürte den leisen Hauch eines warmen Atems in meinem Nacken. Dann steigt er in meine Nase, dieser Duft eines jungen Mannes, sinnlich, aber doch frisch, leicht nach Moschus, aber unterstrichen von etwas Anderem. Eine Mixtur aus Bergamotte, edlen Hölzern und blumiger Lieblichkeit, die von meiner Nase sofort den Weg in mein Gehirn findet. Ist das Parfüm oder sein Körperduft?.

So schnell, wie er gekommen ist, ist der Spuk vorbei. Ich fühle die Bewegung des Bettes, dann das Geräusch einer Wolldecke. Dann Ruhe. Nur das Haus flüstert mir wieder zu. Ich liege noch etwas länger wach und grüble, aber dann übermannt mich doch der Schlaf.

Am nächsten Morgen bin ich mir nicht mehr sicher, ob das Erlebnis in der Nacht Realität war oder ob mein Wunschdenken mir einen Streich gespielt hat. Luca wünscht mir harmlos einen guten Morgen. Er ist so locker und unschuldig drauf. Nein, es muss ein Traum gewesen sein. Ein Traum, der niemals wahr werden darf…

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