SandkastenRocker

Juni 20, 2017

Beim Durchblättern meines Fotoalbums fiel mein Blick auf ein altes Foto. Zusammen mit meiner Sandkastenfreundin streichelten wir im Garten ihre getigerte Katze. Heutzutage würde es wohl auf Facebook geposted werden, als süßes Katzenbild mit zwei Mädchen. Nur das eine Mädchen war ich, ein Junge.
Als das Foto aufgenommen wurde war ich noch nicht in die Schule gegangen, es war der Sommer vor meinem ersten Schultag. Damals war es für mich nicht ungewöhnlich im Rock herumzutollen. Auf dem Foto habe ich einen hellbraun karierten Faltenrock an, und so wie es damals üblich war ging er mir kaum bis zum Knie.
Meine Mutter war ausgebildete Schneiderin. Mit ihrer Hochzeit und der Geburt meines großen Bruders hatte sie ihrer Berufstätigkeit aufgegeben, wie das damals so üblich war. Aber sie nähte zuhause immer noch für die Verwandtschaft, für Nachbarn und Bekannte, Kleider, Röcke und für uns Buben Hosen.
Eine dieser Bekannten hatte eine Tochter, etwa mein Alter und etwa meine Größe. Für Sie hat sie immer wieder mal ein neues Röckchen genäht, und ich musste als „Schneiderpuppe“ dann immer dieses Probetragen, damit Länge und Weite abgesteckt werden konnten.
„Siehst du“ sagte dann einmal meine Mutter „wenn du ein Mädchen wärst, könnte ich dir auch so schöne Sachen nähen.“ Und einmal, ich hatte gerade einen Faltenrock mit einem roten schottischen Muster an, antwortet ich: „Warum nicht? Mach mir doch auch so ein Röckchen.“
Und so kam ich zu meinem ersten Rock. Ich denke meine Mutter hatte noch etwas von diesem roten schottischen Stoff übrig und nähte daraus einen hübsches Röckchen für mich. Und alle waren begeistert, was für ein süßes Mädchen ich abgeben würde. Nur mein Bruder schüttelte den Kopf, das war nichts für ihn.
Dass ich damit auch auf die Straße hinaus ging, meine Mutter hatte nichts dagegen. Bei uns in der Straße gab es nur zwei Mädchen in meinem Alter, mit denen ich eben die üblichen Sandkastenspiele spielte. Als ich zum ersten Mal im Rock zu ihnen kam, waren sie etwas distanziert. „Aber du bist doch ein Junge. Die tragen doch Hosen.“ „Deine Mama ist eine Frau und trägt doch auch Hosen.“ Damals Anfang der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts, waren Hosen bei Frauen bei uns in der Kleinstadt noch etwas ganz Seltenes. Und Ihre Mutter war die erste Frau bei uns in der Straße, die öffentlich einen gelben Hosenanzug trug. Das Argument war vielleicht nicht stichhaltig, aber es zog, und die beiden akzeptierten, dass ihr Freund mit ihnen im Rock spielte.
Anfangs, wenn wir dann durch die Straße zogen, wurden sie gefragt, wer denn ihre neue Freundin sei. „Aber ich bin doch der Thorsten“ fuhr ich dann dazwischen. Manche der Nachbarn konnten das nicht glauben, oder sagten was von wegen, warum ich keine Hosen anhabe. Vielleicht haben sie auch meine Eltern angesprochen, aber davon habe ich nichts mitbekommen. So war es ganz normal dass drei Kinder im Rock auf dem Spielplatz im Sand buddelten oder Puppenwägen schoben. Drei Kinder im Rock, wohl drei Mädchen.
Nur eines hatte sich im Verhalten meiner Freundinnen geändert. Wenn ich im Rock mit ihnen und den Puppen spielte, dann war ich nichtmehr der Vater, sondern die Tante, die auf Besuch kommt.
So verging die Zeit. Meinen ersten Rock habe ich wohl etwas nach meinem vierten Geburtstag bekommen. Und während ich wuchs wurde er in der Weite etwas ausgelassen, durch einen weiteren Rock ergänzt, und als er zu klein geworden war durch einen neuen ersetzt. Auch ein Kleidchen, oder vielmehr einen langen Spielkittel hatte ich. Im Sommer sah man meine aufgeschürften Knie und wenn es kälter wurde trug ich darunter, wie alle anderen, eine wollene Strumpfhose.
Meinen Großmutter stellte einmal mein Mutter zur Rede, warum sie den Buben immer im Rock rumlaufen lies, aber sie sagte nur was, von wegen das sei viel einfacher und billiger zu nähen, als Hosen und Hemden.
Dann kam der erste Schultag. Warum weiß ich bis heute nicht, aber ich wurde von meinen Freundinnen getrennt. Wir kamen in verschiedene Klassen. In der ersten Klasse saß ich dann neben Gerhard, und wir freundeten uns bald an. Als ich dann auch gegen die Empfehlung meiner Mutter im Rock zur Schule ging, sagte er „Du bist jetzt ein Mädchen. Da kann ich nicht mehr neben dir sitzen und mit dir spielen.“ Das war der erste Schock, und ich merkte, nicht überall kann ich mit dem Rock hingehen. Von da an trug ich den Rock nur noch wenn ich zuhause war.
So etwa als ich die zweite Klasse besucht zog eine Familie mit drei Jungen in unsere Straße zu. Der eine von ihnen war ein Jahr älter, der andere ein Jahr jünger als ich. Die machten so tolle Sachen wie Fahrrad fahren, auf Bäume klettern und auf dem Popo den Hang hinunterrutschen. Als ich das erste Mal zu ihnen kam sagten auch sie „Mit Mädchen kann mann nicht richtig spielen.“ Und auch als ich ihnen erklärte, dass ich ein Junge bin waren sie noch sehr skeptisch. Naja, sie hatten ja auch recht. Wenn du auf den Baum kletterst kann man dir unter den Rock schauen, beim Rutschen rutscht auch der Rock hoch und beim Radfahren gerät er in die Speichen. Je mehr ich mit den Jungs spielte, um so weniger zog ich Röcke an. Sie blieben im Schrank hängen, wurden nicht mehr durch Neue ersetzt und waren irgendwann einmal zu klein.

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